Ich bin schon immer gerne in der Natur unterwegs gewesen, sei es beim Wandern oder Spazieren. Vor gut 20 Jahren lebte ich in Richterswil am Zürichsee. Damals schenkte mir mein Bruder ein Buch mit Spaziergängen zu den Kraftorten im Kanton Zürich. Begeistert besuchte ich die verschiedenen Orte, wobei eine Wanderung mir ganz besonders in Erinnerung blieb: die Strecke von Pfäffikon Schwyz via St. Meinrad nach Einsiedeln.
Einsiedeln kannte ich bereits, da ich im Winter oft im Hoch Ybrig snowboarden ging. Dieser Ort hatte schon immer eine faszinierende Anziehung auf mich. Jedes Mal, wenn ich emotional angeschlagen war, suchte ich dieses kleine Juwel auf, spazierte durch die umliegenden Wälder und fand in der grossen Kirche Trost. Ich genoss die Ruhe auf den Bänken oberhalb und liebte die besondere Atmosphäre, die diesen Ort umgab.
Mindestens einmal im Jahr unternahm ich diese kurze Tageswanderung und verspürte dabei stets eine ganz besondere Energie. Ich bemerkte, dass ich mich in der Gegend sehr vertraut fühlte.
Beim Verlassen des Zuges in Pfäffikon freute ich mich jedes Mal wie ein kleines Kind, das nach fünf Jahren wieder seine geliebten Grosseltern in die Arme schliessen durfte. So ähnlich fühlte ich mich jeweils, wenn ich den Pilgerweg beschritt.
Normalerweise bin ich jemand, der gerne neues Terrain entdeckt, und ich besuche Urlaubsdestinationen nur selten ein zweites Mal. Doch dieser Weg brachte mir jedes Mal positive Gefühle. Bei meinem dritten Besuch wurde mir bewusst, dass die Wanderung am Haus von Paracelsus vorbeiführte. Paracelsus war mir zwar ein Begriff – ich hatte mit 26 Jahren eine vierjährige Ausbildung in traditioneller europäischer Naturheilkunde absolviert und kannte mich in diesem Bereich gut aus. Dennoch registrierte ich dies bei meinem ersten Besuch ohne tiefere Auswirkungen.
Erst in den letzten zwei Jahren, als ich mich intensiver mit der traditionellen europäischen Heilkunde und dem Denkmodell der Humoralmedizin auseinandersetzte, entfachte sich meine Liebe zu dem Vermächtnis von Paracelsus. Vielleicht war es auch das erste Mal, dass ich wirklich in Berührung mit seiner persönlichen Geschichte und seiner Sicht auf Gesundheit, Mikro- und Makrokosmos und die Verbundenheit aller Dinge kam – einschliesslich seines naturphilosophischen Gedankenguts.
So wurde mein Lieblingskraftweg nicht nur zu einem schönen Wanderziel, sondern erhielt durch den Geist Paracelsus zusätzlich an Wert für mich. Wenn ich über Paracelsus lese und seine Herangehensweise an Menschen und Krankheiten, sowie sein Verständnis von Salutogenese, fühle ich mich innig verbunden. Interessanterweise wusste ich bereits mit 25 Jahren, dass ich die traditionelle europäische Naturheilkunde erlernen wollte und nicht eine exotische Heilmethode wie Ayurveda oder TCM. Heute, viele Jahre später, verstehe ich besser, warum das so war. Es scheint, als hätte der Geist von Paracelsus damals schon zu mir gesprochen. Auch zu Hildegard von Bingen, die die Naturheilkundemit germanisch-keltischem Wissen bereichert hat, fühle ich mich verbunden.
Heute, nach über zehn Jahren Erfahrung in der Naturheilkunde, fühle ich mich der traditionellen europäischen Naturheilkunde näher als je zuvor. Dies liegt vor allem daran, dass ich die Prinzipien der Humoralmedizin besser verstehe. In meinem Praxisalltag kann ich diese Erkenntnisse zusammen mit verschiedenen Methoden meinen Patienten mit chronischen Krankheiten anbieten. Das Ergebnis ist ein spürbares Plus an körperlichem, geistigem und seelischem Wohlbefinden.
Parallel dazu erweitere ich kontinuierlich mein Wissen über die Paracelsus Medizin und kombiniere es mit der traditionellen europäischen Medizin.
Ein Herzenswunsch von mir ist es, dass die traditionelle europäische Naturheilkunde wieder im Bewusstsein der Menschen verankert wird und, an die heutige Zeit angepasst, neu auflebt. Denn es ist von entscheidender Bedeutung zu erkennen, welche Art von Medizin die Menschen heute wünschen. Es geht darum, zielführende Ansätze für die Gesundheit jedes Einzelnen zu finden, Hand in Hand mit der Schulmedizin zu arbeiten und die geistige sowie seelische Gesundheit wieder mit der körperlichen in Einklang zu bringen.
Gleichzeitig ist die Selbstverantwortung des Individuums zu stärken. Die Ordnungstherapie, ursprünglich von Pfarrer Sebastian Kneipp definiert, ist in unserer von Stress geprägten Gesellschaft aktueller denn je.
Traditionen sind wichtig für uns Menschen, wenn sie weitergelebt und an die Gegenwart angepasst werden. Ich bin überzeugt, dass das Vermächtnis der alten Heilkundigen wie Hippokrates, Galen, Paracelsus und anderer einen immens wichtigen Beitrag für die heutige Zeit leisten kann. In diesem Sinne sehe ich meinen persönlichen Auftrag als Medizinerin der Naturheilkunde darin, dies einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Impressionen des Pilgerweges zum Kraftort von Paracelsus Heimat Januar 2025.
